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Differenzierung ist gefragt

Interview: In Bewegung bleiben

14.11.2025
von Redaktion DER KONSTRUKTEUR
v.l. Nicole Steinicke, Leitende Chefredakteurin, und Werner Mäurer, Geschäftsführer von Hiwin

Kaum eine Branche steht so im Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt, geopolitischer Unsicherheit und globalem Wettbewerbsdruck wie der Maschinenbau – und mittendrin: die Werkzeugmaschinenindustrie. Viel wird derzeit über neue Impulse durch Wehrtechnik, Automatisierung oder KI gesprochen. Doch was davon ist nachhaltiger Wandel? Wie begegnet man diesen Anforderungen technologisch und strategisch? Welche Trends setzen sich durch und wo liegen die Grenzen des Machbaren? Wie der reale Wandel in der Industrie gelingt, darüber sprechen wir mit Werner Mäurer, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Hiwin.

Nicole Steinicke: Auf der Leitmesse für Produktionstechnologie EMO Hannover traf sich die Welt der Metallbearbeitung. Mit welchen zentralen Innovationen präsentierte sich Hiwin?

Miniatur-Kugelgewindetrieb von Hiwin, gehalten zwischen Daumen und Zeigefinger

Die kompakten Miniatur-Kugelgewindetriebe eignen sich für Anwendungen mit extrem begrenztem Bauraum und ermöglichen eine präzise, reibungsarme sowie wiederholgenaue Linearbewegung – auch unter anspruchsvollen Bedingungen

Werner Mäurer: Die Messe EMO ist für uns eine wichtige Plattform, um internationale Kontakte in der Werkzeugmaschinenbranche zu knüpfen, neue Geschäftsmöglichkeiten zu erschließen und um unsere Lösungen zu präsentieren. Auf den Bedarf dieser Branche zugeschnitten, präsentierten wir Antriebskomponenten, die kompakt, effizient und zuverlässig zugleich sind.

Wir zeigten eine neue Profilschienenführung mit Rollen als Tragkörper. Diese UR-Führung kombiniert die Erfahrungen und Wünsche an unsere aktuelle RG-Führung und vereinigt diese in einem neuen Aufbau. Das Ergebnis sind eine statische Tragkraft bis +34 Prozent – für maximale Belastbarkeit bei hochpräzisen Achsbewegungen, dynamische Tragkraft bis +19 Prozent – für eine bis zu 70 Prozent höhere Lebensdauer und einen zuverlässigen Dauereinsatz. Höchste Steifigkeit und eine gleichmäßige Kraftverteilung sichern die exakte Positionierung auch unter extremen Lasten.

Neues Familienmitglied ist unser neuer Miniatur-Kugelgewindetrieb mit Durchmessern von 4 bis 12 mm. Diese kompakte Lösung bietet höchste Positioniergenauigkeit bei minimalem Bauraum und eröffnet damit neue Möglichkeiten für Anwendungen in der Feinmechanik, Medizintechnik und im Sondermaschinenbau.

Unsere dritte Innovation steckt in der Automatisierung mit unseren Electric Acuators „EA“. Sie sind von Grund auf neu entwickelt und zeichnen sich durch eine hohe Leistungsdichte gepaart mit Modularität und dem aktuell kleinsten CO2-Fußabdruck für ein solches Produkt aus.

Nicole Steinicke: Verfügen Ihre Maschinenkonzepte über spezielle Lösungen zur digitalen Integration?

Werner Mäurer: Alles, was wir tun, sitzt in Produktionsanlagen, die digital integriert sind. Unsere Servoverstärker wie auch unsere Wegmesssysteme liefern die zur Integration und Automatisierung erforderlichen Daten.

Nicole Steinicke: Wie profitieren Kunden von Ihren Technologien?

Werner Mäurer: Unsere Integrationslösungen gehen über das Produkt hinaus. Das ist das Besondere. Wir integrieren unsere Leistungen in die Wertschöpfungskette unserer Kunden. So steuert beispielsweise das Warenwirtschaftssystem unserer Kunden unsere Fertigung bis hin zur Stückzahl Eins – ohne, dass es die klassischen Arbeiten im Einkauf und Vertrieb braucht.

Nicole Steinicke: Wie lautet die Philosophie hinter der Marke Hiwin und welche Technologien entwickeln und fertigen Sie derzeit in Deutschland?

Schwerlast-Rollenführung UR von Hiwin

Die neue Schwerlast-Rollenführung UR überzeugt vor allem durch ihre hohe statische und dynamische Tragkraft; ihr Einsatz hochpräzise Achsbewegungen

Werner Mäurer: Wir erzeugen und führen Bewegung in den Maschinen und Anlagen der Industrie. Das ist unsere Philosophie. Mit unseren Lösungen erreichen wir Genauigkeiten von ein paar zehntel Millimeter bis zu wenigen zehntausendstel Millimeter. Unsere Komponenten sind gezielt auf die Anforderungen von Maschinenbauern, Integratoren und Anwendern zugeschnitten sind. Dazu zählen Schienenführungen, Kugel- und Rollenführungen, Linearachsen, Kugelgewindetriebe, Wellgetriebe, Linearmotoren bis hin zu ganzen Bewegungssystemen.

Wo Automatisierung ist, sind meistens auch wir.

In Deutschland kümmern wir uns um die Entwicklung der Software rund um unsere Produkte: von der Auslegung, der Lebensdauerberechnung über die Konfiguration bis hin zu den Webservices. Zudem entwickeln wir hier unsere Kugelgewindetriebe sowie unsere Aluminium-basierten Bewegungssysteme. Und natürlich produzieren wir hier viel für den europäischen Markt. Unsere Fertigungssektoren? Das ist einfach zu beantworten: wo Automatisierung ist, sind meistens auch wir.

Nicole Steinicke: Da der deutsche Markt zunehmend auf Kosteneffizienz setzt: Welche Alleinstellungsmerkmale heben Ihre Produkte von Mitbewerbern ab?

Werner Mäurer: Nun, nennen Sie mir einen Markt, der nicht auf Kosteneffizienz setzt. Ich weiß, dass unsere Kunden unsere Alleinstellungsmerkmale gut kennen. Da es auch Bedarfsträger gibt, die unsere Alleinstellungsmerkmale noch nicht kennen, geht uns die Arbeit nicht aus. Über die Details hüllen wir uns gerne in Schweigen.

Nicole Steinicke: Können Sie ein aktuelles Erfolgsbeispiel nennen, das den Nutzen Ihrer Lösungen in der Praxis zeigt?

Werner Mäurer: Ein Beispiel ist ein Kunde, der unsere Wellgetriebe im Einsatz hat. Gestört hat uns, dass die Verbindung von Motor und Getriebe optisch unattraktiv war und zwei überflüssige Teile verbaut waren. Jetzt ist die Baugruppe ein Kilogramm leichter, kompakter und kürzer und sie kommt als eine einbaufertige Getriebe-Motor-Einheit zum Einsatz. Dass diese Lösung kosteneffizienter ist, erschließt sich von alleine.

Nicole Steinicke: Wie bewerten Sie den aktuellen globalen Trend zur Kostensenkung im Werkzeugmaschinenbau?

Werner Mäurer: Dieses Thema hat schon immer eine hohe Bedeutung. Maschinen und Anlagen verschlanken, intelligent auslegen und energieeffizient arbeiten, ist in jedem Industriefeld der Hebel, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Nicole Steinicke: Seit wann sind Sie im deutschen Markt aktiv und wie gestaltet sich Ihr aktuelles Geschäft dort?

Werner Mäurer: 1993 haben wir in Deutschland angefangen. Heute beschäftigen wir europaweit rund 700 Mitarbeiter. Der Markt ist in den letzten Jahren beweglicher und schneller geworden. Das gefällt uns. Kurze Entscheidungswege und eine bewegliche Konzernstruktur sind Teil unserer Erfolgsgeschichte.

Nicole Steinicke: Welche Fertigungsbranchen in Deutschland zeigen das größte Interesse an Ihren Technologien?

Werner Mäurer: Ich kann nicht sagen, dass einzelne Branchen mehr Interesse an unserer Technik haben als andere. Wo immer sich etwas genau bewegen soll, sind wir gefragt. Eine erhöhte Nachfrage sehen wir jedoch im Anlagenbau rund um die Elektromobilität sowie in der Halbleiterindustrie.

Nicole Steinicke: Wie bewerten Sie das Wachstumspotenzial der Fertigungsindustrie in Deutschland, aber auch in Europa?

Werner Mäurer: Unabhängig von der aktuellen Wirtschaftslage, die in Deutschland noch ein wenig schwächer ausgeprägt ist als in anderen europäischen Staaten, sind die Wachstumspotentiale von Europa enorm. Optimierte Lieferketten oder „local for local“ sind Themen, die Wachstumschancen bieten. Wir sind dort, wo unsere Kunden sind. Und da spielt Europa für uns eine zentrale Rolle.

Nicole Steinicke: Was heißt das konkret? Welche Branchen werden sich positiv entwickeln? Wie ist Ihre Beobachtung?

Elektrozylinder von Hiwin

Der neue Elektrozylinder bietet Effizienz, Präzision und Flexibilität in der industriellen Automatisierung und ist ideal für anspruchsvolle Pick-&-Place-, Positionier- oder Pressanwendungen

Werner Mäurer: Wenn wir auf neue Branchen schauen, dann ist natürlich die Wehrtechnik derzeit ein Thema. Das wird in der öffentlichen Diskussion aber oft überzeichnet – gemessen am Bruttoinlandsprodukt bleibt der tatsächliche Einfluss bisher begrenzt. In Segmenten wie der Drohnentechnologie gibt es durchaus Impulse, insbesondere im Bereich Automatisierung, aber von einem grundlegenden Strukturwandel der Branche kann keine Rede sein.

Insgesamt sehen wir keine Revolution, sondern eine kontinuierliche Verschiebung innerhalb bestehender Industrien. Die Werkzeugmaschine bleibt zentral – sie verändert sich lediglich. Früher stand etwa die Stahlbearbeitung für den Kraftfahrzeugmotor im Fokus, heute ist es die Bearbeitung von Aluminium für leichtere und energieeffizientere Bauteile. Das bedeutet: Anbieter müssen sich technologisch anpassen. Wer auf einen Werkstoff spezialisiert war, hat jetzt gegebenenfalls Anpassungsbedarf – andere wiederum profitieren.

Einfach und günstig können heute auch andere – gefragt ist Differenzierung.

Die Medizintechnik bleibt eine stabile und wichtige Branche, genauso wie die klassische Industrieproduktion. Für europäische Anbieter wird es darauf ankommen, nicht über Masse, sondern über Mehrwert zu punkten: durch intelligente Lösungen, höhere Geschwindigkeit und Systemintegration. Einfach und günstig können heute auch andere – gefragt ist Differenzierung.

Nicole Steinicke: Wir dürfen also optimistisch in die Zukunft blicken?

Werner Mäurer: Natürlich spüren wir die wirtschaftlichen Herausforderungen der letzten Jahre. Drei durchwachsene Jahre sind ungewöhnlich – aber kein Grund zur Panik. Solche Phasen gehören zur Industrie. Entscheidend ist, den Optimismus nicht zu verlieren, flexibel zu bleiben und die eigenen Stärken weiterzuentwickeln. Leicht ist es nie – aber wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder.

Das Interview führte Dipl.-Ing. Nicole Steinicke, Leitende Chefredakteurin

Hiwin ist Aussteller auf der Fachmesse SPS 2025 (Halle 4, Stand 371).

dunkelblauer Btutton mit dem Text zum Unternehmen

Bilder: Aufmacher Vereinigte Fachverlage, sonstige Hiwin

Das Interview ist auch in Ausgabe 08/2025 der Fachzeitschrift Der Konstrukteur erschienen, S. 44-46.

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